Eine Behinderung ist nicht planbar

19.10.2015

Kreisrat Sebastian Hutzenthaler mit Erich Winkler, Armin Wölfl mit Kreisrätin Filiz Cetin, Ruth Müller, MdL, die Bürgermeister Roland Eichmann und Peter Forstner

Kirchweihsonntag der Landkreis-SPD stand unter dem Aspekt „Barrierefreiheit und Inklusion“

In drei Gesprächsrunden wurde das Thema „Barrierefreiheit und Inklusion“ beim politischen Kirchweihsonntag der Landkreis-SPD in der Eskara eindrucksvoll diskutiert. Und dabei wurde deutlich, dass in unserer Gesellschaft nicht nur Barrieren im öffentlichen Raum beseitigt werden müssen, sondern auch Berührungsängste und Barrieren in den Köpfen und im täglichen Umgang.

Seit Februar beschäftige sich die SPD im Landkreis Landshut mit dem Thema „Barrierefreiheit“, stellte Ruth Müller, MdL in ihrem Impulsreferat fest. Man habe vor Ort mit Kinderwägen und Rollatoren Barrieren aufgespürt, Bahnhöfe besichtigt und Inklusionsfirmen besucht, zählte sie einige Beispiele auf. „Wir wollten uns mit eigenen Augen davon überzeugen, wie weit es mit der Barrierefreiheit in unserer Region ist“, so Müller. In seiner Regierungserklärung im November 2013 habe der bayerische Ministerpräsident verkündet, Bayern bis 2023 im gesamten öffentlichen Bereich und im ÖPNV barrierefrei zu machen. Doch der politischen Erklärung müssten auch Taten folgen – und da sehe es schlecht aus, machte Müller anhand der Interpellation deutlich, die die Sozialdemokraten im Bayerischen Landtag gestartet hatten. Die 227 Fragen wurden in diesem Frühjahr beantwortet und offenbarten große Wissenslücken beim Ist-Zustand in Bayern und bei der geplanten Finanzierung. „Für uns als Sozialdemokraten ist es selbstverständlich, dass jeder Mensch in unserer Gesellschaft die gleichen Chancen haben muss“, so Müller. Und Barrierefreiheit könne jeden treffen, ob als Familie, als Reisender oder eben als Mensch, der mit einer Behinderung leben muss.

Mit Sport zurück ins Leben

Wie schnell eine Behinderung eintreten kann, machte in der ersten Talkrunde Erich Winkler aus Geisenhausen deutlich. Der Radrennfahrer, der bei den Paralympics in Athen die Bronze-Medaille gewonnen hatte, schilderte anschaulich im Talk mit dem stellvertretenden Kreisvorsitzenden Sebastian Hutzenthaler, wie ihm der Sport geholfen habe, mit seiner Behinderung fertig zu werden. Nach dem Motorradunfall musste der ehemals selbständige Unternehmer beruflich wieder Fuß fassen. „Eine Behinderung ist nicht planbar“, so Winkler, der darlegte, welche Hürden und Barrieren ihn nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus im eigenen Haus erwarteten. Die Familie und Freunde hätten ihm viel Rückhalt gegeben und der Sport habe eine große Rolle gespielt, wieder gesund zu werden. Er appellierte auch an die Besucher des Kirchweihsonntags, sich Gedanken darüber zu machen, wie das persönliche Umfeld – oft mit einfachen Mitteln bereits bei der Planung – barrierefreier gestaltet werden könne, denn „schließlich werden wir alle älter“. Und er regte an, behinderte Menschen besser in Bauplanungen im öffentlichen Raum einzubeziehen, und ihre Fachexpertise  zu nutzen. „Mein Leben ist jetzt anders als früher, aber ich bin zufrieden“, fasste Winkler die Situation zusammen. Sebastian Hutzenthaler, der selbst fast täglich den Weg von seiner Heimatgemeinde Essenbach zu seiner Schule in Schönbrunn mit dem Fahrrad zurücklegt, zollte der sportlichen und vor allem der mentalen Größe Winklers größten Respekt und äußerte den Wunsch, einmal gemeinsam Rad zu fahren.

Geistig Behinderten Mobilität ermöglichen

Nach dem Aspekt der Menschen mit körperlicher Behinderung schlug Kreisrätin Filiz Cetin in ihrer Talkrunde den Bogen zu geistig behinderten Menschen. Ihr Talkgast war Armin Wölfl, der als Heimleiter im Haus Pater Viktrizius mit 38 Menschen tätig ist. Da es sich hierbei um eine kleine Einrichtung handle, sei die finanzielle Situation immer sehr schwierig. Immer wieder stünden in dem Haus, das in den 1960er Jahren erbaut wurde, Sanierungsmaßnahmen an, sodass er sich in diesem Jahr entschloss, für den dringend benötigten Gruppenbus einen Spendenlauf zu starten. Beim „Lauf mit Herz“ hat Wölfl seitdem rund 26.000 Euro an Spenden gesammelt und ist dem Ziel, ein Fahrzeug für seine Bewohner zu bekommen, ein Stück näher gekommen, damit wieder Ausflüge unternommen werden können. „Wir treffen im Alltag immer wieder auf Barrieren“, so Wölfl. Komme noch eine körperliche Beeinträchtigung hinzu, sei es oft schwierig, unterwegs Sanitäreinrichtungen zu benutzen, die zu eng sind, oder im Kellergeschoss untergebracht sind. Auch der technische Fortschritt bedeute nicht für jeden Menschen eine Erleichterung, stellte Wölfl fest. „Handys sind Computer und selbst Mikrowellen können nicht mehr mit einem Ein- und Ausschalter bedient werden“. Doch die größten Barrieren bestünden in den Köpfen der Menschen, machte er anhand von einigen Beispielen fest: So sei es schwierig, für die geistig behinderten Bewohner Urlaubsreisen zu buchen, da es Hotels gebe, die solche Gruppen nicht aufnehmen wollen.

Herausforderung Denkmalschutz in der Kommunalpolitik

Nach den Schilderungen aus der Praxis waren in der dritten und letzten Talkrunde die Kommunalpolitiker am Zug. Der Neufahrner Bürgermeister Peter Forstner diskutierte angeregt mit dem Bürgermeister der Stadt Friedberg (29.000 Einwohner), Roland Eichmann. „Barrierefreiheit spielt bei vielen unserer Entscheidungen eine wichtige Rolle, aber wir stoßen immer wieder an unsere Grenzen“, machte Forstner deutlich. So sei das Seniorenheim in Neufahrn auf dem Berg gelegen, der Weg dorthin mit Kopfsteinpflaster nicht wirklich rollator- oder rollstuhlgerecht. Der Bahnhof stehe schon lange auf der Wunschliste, barrierefrei umgebaut zu werden, aber für die bisherigen Förderprogramme war der Zustand entweder zu gut oder der Bahnhof zu klein. Für das neue Förderprogramm des Bundes, das Bahnhöfe mit unter 1.000 Pendlern umbauen wolle, sei der Neufahrner Bahnhof jetzt zu groß.

In Friedberg im Landkreis Aichach-Friedberg habe man wieder einen Inklusionsbeirat installiert, erzählte Roland Eichmann. Hier sollen Zug um Zug Verbesserungen umgesetzt werden. Allerdings gäbe es auch im Schwäbischen große Herausforderungen, die nicht so leicht zu bewältigen seien, machte Eichmann deutlich: Das Rathaus bestehe aus drei verschiedenen Verwaltungsgebäuden, die alle historisch und wunderschön anzusehen sind, aber eben auch denkmalgeschützt seien. Immerhin habe man es erreicht, dass die Räume in den Erdgeschossen mit Rampen erschlossen werden konnten, die oberen Stockwerke seien aber für Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte noch fast unerreichbar. Eine besondere Herausforderung sehe Eichmann auch im öffentlichen Raum, es gebe zu wenige barrierefreie Wege, die vielen Bushaltestellen müssten umgebaut werden und dafür brauche man unbedingt Fördermittel des Freistaats. Man habe auch mit Graz Kontakt aufgenommen, da diese Stadt in Österreich seit über 20 Jahren Erfahrung mit Inklusion im öffentlichen Raum gesammelt habe. Erstaunlicherweise habe man beim Besuch erfahren, dass sich schon viele internationale Besucher für diese Konzepte interessiert hätten, die bayerische Staatsregierung sich allerdings noch nicht nach den best-practice-Beispielen im Nachbarland erkundigt habe.

„Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, frei und gleichberechtigt zu sein, setzt voraus, dass es keine Hürden gibt, die einen daran hindern“, stellte Peter Forstner fest. Und um diese beseitigen zu können, brauche es eine Vielzahl von Initiativen, Fördermöglichkeiten und den politischen Willen, aller Verantwortlichen, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Die SPD-Kreisvorsitzende Ruth Müller bedankte sich bei den aufschlussreichen Diskussionsrunden, die aufgezeigt hätten, wie vielfältig die Barrieren derzeit noch seien. In der Landespolitik werde die SPD in vielen Bereichen, wie Zugang zum Gesundheitswesen, Barrierefreies Bauen und Wohnen, Mobilität, Tourismus, Information und Kommunikation, Barrierefreiheit in Kultur, Bildung

und am Arbeitsplatz parlamentarische Initiativen zu starten. Zum Dank gab es eine Flasche regionalen Obstbrand aus Deutenkofen. Bei stimmungsvoller Klaviermusik durch Peter Schmid und vorzüglichen Kirchweih-Kiacherln von Angelika Wimmer wurde in der Eskara noch lange über das Thema „Barrierefreiheit und Inklusion“ diskutiert.