Rückblick: Blindenhundführung mit Susann Biedefeld, MdL

11.05.2015

In der Stadt Coburg hat sich viel in Sachen Barrierefreiheit getan. Trotzdem gibt es noch an einigen Stellen Verbesserungsbedarf. Dieser könnte ganz leicht hergestellt werden, wenn beispielsweise Autofahrer ihren PKW nicht auf Orientierungsstreifen für Sehbehinderte abstellen würden.

„Obwohl ich immer wieder PKW-Fahrer darum bitte, ihr Fahrzeug woanders abzustellen, treffe ich dabei meist auf taube Ohren“, beklagt der Behindertenbeauftragte der Stadt Coburg Dr. Johannes Thaben. Vielen Autofahrern ist auch nicht bewusst, dass sie durch ihr rücksichtsloses Parken beeinträchtigten Menschen wichtige Hilfen zur Orientierung blockieren. Hier müsse Aufklärungsarbeit geleistet und die Bevölkerung für dieses Thema sensibilisiert werden, so die Forderung der SPD-Landtagsabgeordneten Susann Biedefeld. Um auf solche Missstände aufmerksam zu machen, hatte sie zum Kampagnen-Start der BayernSPD „Bayern Barrierefrei“ zu einem besonderen Rundgang durch den Coburger Stadtkern eingeladen. Gemeinsam mit Jörg Grünbeck, der seit seiner Kindheit an einer Netzhauterkrankung leidet und seit Februar 2007 erblindet ist, und seinem Blindenhund „Sam“ bekamen die Landtagsabgeordnete und der Behindertenbeauftragte einen Einblick mit welchen Tücken ein Mensch der erblindet ist oder an einer starken Sehbehinderung leidet, zu kämpfen hat.

Auf dem Weg vom Rathaus zum Albertsplatz lotst der neunjährige Labrador Sam seinem Besitzer sicher den Weg. Selbst bei der für viele selbstverständlichen Absenkung des Bordsteins stoppt der Hund und zeigt Jörg Grünbeck damit an, dass hier der Bürgersteig zu Ende ist und eine Straße überquert werden muss. Am Albertsplatz hat Sam ein paar Minuten „Freizeit“, denn dort versucht sich Jörg Grünbeck mit Hilfe seines Langstocks und den Bodenindikatoren, wie Leit- und Aufmerksamkeitsstreifen, Abzweige-, Einstiegs- oder Sperrfeld zu orientieren. Dabei wird deutlich, dass manche der Felder fast zu klein sind, um sie als Indikator zu erkennen, da viele Erblindete durch einen Links- oder Rechtsdrall Probleme haben, eine Straße gerade zu überqueren. Als das Trio den Albertsplatz verlässt und die Straße ein zweites Mal passiert, wird ein mobiles Straßenschild an der Ecke Ketschengasse/Zinkenwehr zu einem weiteren Hindernis für Jörg Grünbeck. Dieses ist in Kopfhöhe angebracht und steht mitten auf einen Leitstreifen. Gut, dass ihn Susann Biedefeld und Dr. Thaben rechtzeitig warnen, ansonsten wäre der 45jährige wohl mit dem Kopf dagegen gestoßen.

Zu 90 Prozent ist Jörg Grünbeck alleine unterwegs und insbesondere in solchen Situationen auf seinen Hund angewiesen. Sam erkennt nämlich auch diese mögliche Gefahr und schätzt ab, ob die Höhe, in der ein solches Schild angebracht ist, für seinen Besitzer zum Verhängnis werden könnte. Als die drei an der Ampel in der Rückerstraße stehen, um zur Ehrenburg zu gelangen, werden die nächsten Probleme deutlich. „Das akustische Signal ist zu leise und die Ampel ist viel zu weit an der Hauswand angebracht. Sam hat zwar die Ampel gefunden, ich muss mir aber fast den Arm ausrenken, um den Pfeil unten am Drücker betätigen zu können und gleichzeitig den Hund zu halten, der sich zur Überquerung der Ampel positioniert und darauf wartet, dass Herrchen bereit ist“, erklärt Jörg Grünbeck. Mit diesem Taster auf der Unterseite wird das Vibrationselement für das Freigabesignal aktiviert.

Trotz einiger Verbesserungen, die bei diesem Rundgang deutlich wurden, ist Grünbeck, der stellvertretende oberfränkische Bezirksgruppenleiter im Blindenbund, froh, dass die Stadt einiges in Sachen Barrierefreiheit angepackt und umgesetzt hat. Er macht deutlich, dass Hilfen wie etwa die Aufmerksamkeitsstreifen, auch hinderlich sein können. Dann nämlich, wenn Rollstuhlfahrer oder Frauen mit dem Kinderwagen unterwegs sind und sich im ungünstigen Fall die Reifen zwischen den Rillen nur schlecht oder nur mit großem Kraftaufwand bewegen lassen. „Es gibt nichts hundert Prozent Perfektes und alles was für den Blinden bzw. Sehbehinderten gut ist, ist nicht unbedingt für den Rollstuhl- oder Rollatorfahrer gut. Da bedarf es von allen Betroffenen und Beteiligten Kompromissbereitschaft.“

Jörg Grünbeck würde sich wünschen, Vertreter aus den Behindertenverbänden bereits frühzeitig bei Planungen mit einzubinden oder Informationen zur Barrierefreiheit in den Städten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Außerdem sollten Kommunen nicht zögerlich sein, wenn es um die Anwendung der DIN-Norm „Gestaltung visueller Informationen im öffentlichen Raum zur barrierefreien Nutzung“ geht. Sie regelt die Gestaltung visueller Informationen im öffentlichen Raum. Diese definiert erstmalig, was Barrierefreiheit aus der Sicht sehbehinderter Menschen ausmacht. Und Jörg Grünbeck hat noch eine weitere Anregung: In allen Kommunen nicht nur einen Jugend- und Seniorensprecher, sondern auch einen Ansprechpartner für Menschen mit Behinderung, einen Behindertenbeauftragten – nicht nur in größeren Städten und auf Landkreisebene. „Allein bei diesem Rundgang wird deutlich, dass Barrierefreiheit nicht hundertprozentig umgesetzt werden kann und einiges verbessert werden muss“, so das Fazit von Susann Biedefeld.